Velo-Sicherheit

Autofahrende halten Abstand zu Velos nicht ein

Eine neue Studie zeigt, wie eng Velofahrende in Schweizer Städten überholt werden. Der VCS und die Fachhochschule OST massen dazu auf rund 1'500 Kilometern. Der Abstand betrug im Mittel 120 Zentimeter. Gefordert werden 1,5 Meter. Ein gesetzlicher Mindestwert fehlt in der Schweiz bislang.

Gemeinsam mit der Ostschweizer Fachhochschule OST hat der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) das Überholverhalten von Automobilist:innen auf Velohauptrouten untersucht. Gemessen wurde in Bern, Zürich, Genf, Köniz, Burgdorf, Sion und Olten. Ein Testvelo mit Ultraschallsensor erfasste die Seitenabstände über rund 1'500 Kilometer. Der mittlere Abstand lag bei 120 Zentimetern. Rund acht von zehn Manövern blieben unter 1,5 Metern, mehr als ein Drittel sogar unter einem Meter. Die Unterschiede zwischen den Städten fielen gering aus.

Ein Befund, der die Praxis bestätigt

Ein Detail dürfte viele Fachpersonen kaum überraschen. Autofahrende passen ihren Abstand kaum an die gefahrene Geschwindigkeit an. Auch Velos mit Kinderanhänger erhielten fast gleich wenig Platz. Genau darauf zielt die Verkehrssinnbildung ohnehin ab. Die Studie zeigt nun, wie stark dieses Muster immer noch fortbesteht. Sie bestätigt damit, dass die Arbeit an der Gefahrenwahrnehmung ihre Berechtigung behält.

Rechtsrahmen ohne festen Zahlenwert

Das Gesetz nennt bewusst keine Zentimeterzahl. Art. 34 Abs. 4 SVG verlangt gegenüber allen Strassenbenützern einen ausreichenden Abstand. Art. 35 Abs. 3 SVG fordert beim Überholen besondere Rücksicht. Art. 26 Abs. 2 SVG verlangt erhöhte Vorsicht gegenüber Kindern und erkennbar unsicheren Personen. Die Konkretisierung erfolgt einzelfallweise durch die Gerichte. Verstösse werden nach Art. 90 SVG beurteilt, bei erheblicher Gefährdung nach Absatz 2. Diese offene Struktur macht den Unterricht anspruchsvoll und zugleich unverzichtbar.

Politischer Kontext bleibt in Bewegung

Der VCS fordert einen gesetzlich verankerten Mindestüberholabstand von 1,5 Metern. Ähnliche Vorstösse gab es bereits 2017 und 2018 im Nationalrat. Der Bundesrat hielt die geltende Regelung bisher für ausreichend und einen fixen Wert für kaum kontrollierbar. Deutschland und Österreich schreiben innerorts 1,5 Meter und ausserorts zwei Meter vor. Die revidierten Veloverkehrsregeln des Bundes gelten seit 1. Juli 2025, enthalten aber keinen Abstandswert. Für die Ausbildung ändert sich damit vorerst nichts. Die Diskussion dürfte jedoch weitergehen.

Wo die Zahlen im Unterricht nützen

Messwerte wirken im Gespräch oft stärker als Argumente. Wer 120 Zentimeter nennt, macht ein abstraktes Risiko greifbar. Das hilft besonders bei Lernenden, die den nötigen Abstand unterschätzen. Ebenso lässt sich damit gegenüber Eltern und Betrieben argumentieren. Zusätzlich zeigt die Studie, dass auf Hauptstrassen 9,2 Überholmanöver pro Kilometer anfallen, auf Nebenstrassen nur 1,5. Diese Relation begründet, weshalb Hauptachsen im Übungsprogramm ihren festen Platz haben.

Schwere Fahrzeuge mit eigener Problemlage

Bei den Kategorien C und CE verschärft die Physik die Situation. Länge und Breite verlängern die Zeit im kritischen Bereich. Zudem wirkt der Luftsog auf Velofahrende destabilisierend. In der Berufsfahrerausbildung ist dieser Zusammenhang seit Langem gesetzt. Die neuen Daten liefern dazu nun ergänzendes Anschauungsmaterial.

Infrastruktur als zweiter Hebel

Ausbildung wirkt, doch sie wirkt nicht allein. Die Untersuchung zeigt, dass breitere Velostreifen und baulich getrennte Velowege nachweislich mehr Abstand schaffen. Tempo 30 macht Überholmanöver weniger belastend und mildert Unfallfolgen. Verhalten und Infrastruktur greifen also ineinander. Genau diese Doppelperspektive prägt die Fahrausbildung ohnehin seit Jahren.

Einordnung für die Fahrlehrerschaft

Die Studie formuliert keine neue Aufgabe für den Berufsstand. Sie belegt vielmehr, wie relevant ein bereits vermittelter Inhalt im Alltag bleibt. Zugleich stärkt sie die Position der Fahrausbildung in der verkehrspolitischen Debatte. Denn Verhaltensänderung entsteht nicht durch Kampagnen allein. Sie entsteht dort, wo Fahrkompetenz systematisch aufgebaut wird.

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