L-drive Schweiz bringt Bewegung in die Debatte
Sechs Wochen nach der Veröffentlichung des ASTRA-Evaluationsberichts zur Lernphasenregelung zieht L-drive Schweiz eine erste Bilanz. Diverse neue Erkenntnisse relativieren die Aussagekraft der Studie deutlich und stärken die Forderung nach Massnahmen für die professionelle Fahrausbildung.
Am 1. April hat der Bundesrat den Evaluationsbericht des ASTRA zur Lernphasenregelung zur Kenntnis genommen. Kernaussage: Die Verkehrssicherheit habe sich «mit hoher Wahrscheinlichkeit verbessert». L-drive Schweiz hat umgehend klar Stellung bezogen: Der Evaluationsbericht beansprucht mehr, als die Untersuchung tragen kann. Die neusten Erkenntnisse und Antworten aus dem Bundesamt für Strassen (ASTRA) zeigen, dass dem durchaus so ist.
Methodische Kritik an der Evaluation
L-drive Schweiz hat den Bericht «Evaluation der Neuregelung der Lernphase im Rahmen der Fahrausbildung» und den Technischen Bericht gründlich analysiert, einen Grundlagenbericht erstellt, das fachliche Gespräch mit dem ASTRA geführt und ein schriftliches Folgeschreiben mit präzisen methodischen Fragen verschickt. Parallel haben wir das Gespräch mit Partnerorganisationen aufgenommen. Die Grundlagenarbeit war intensiv, aber sie hat gewirkt. Das ASTRA hat kooperativ und transparent geantwortet — mit drei Eingeständnissen, die jetzt offiziell vorliegen. Sie lassen die Kernaussagen in einem anderen Licht erscheinen.
Drei Eingeständnisse des ASTRA
- Die statistische Unsicherheit ist offen ausgewiesen. Bei den selbst verursachten Unfällen reicht die statistische Bandbreite von einer Verbesserung um nur 4,7 Prozent bis zu einer um 24,7 Prozent. Beide Werte sind mit den Daten gleichermassen vereinbar.
- Die Begleitqualität wurde nicht beurteilt. Das ASTRA hat schriftlich bestätigt: «Eine qualitative Beurteilung der Fahrkompetenz wurde nicht vorgenommen.» Damit ist die zentrale Frage — Fahrlehrer versus Laien — empirisch offen. Unsere Forderung nach Mindeststandards für Begleitpersonen steht auf besserer Grundlage als je zuvor.
- Die Empfindlichkeit ist offengelegt. Eine ASTRA-eigene Berechnung zeigt: Würden die Personen heute pro Kopf 18 Prozent weniger Kilometer fahren als vor der Reform, wäre der ganze Sicherheitsgewinn weg. Diese Information war im Bericht selbst nicht zu erkennen.
Der Bericht misst Unfälle pro Person, nicht pro Kilometer. Wenn die Lernfahrenden und Junglenker heute also weniger fahren — was nach der Pandemie und mit jüngerem Eintrittsalter realistisch erscheint —, sinkt die Unfallrate rein rechnerisch automatisch. Bei 18 Prozent weniger Kilometer pro Kopf ist von der angeblichen Sicherheitsverbesserung nichts mehr übrig. Ob diese Abnahme tatsächlich stattgefunden hat, weiss niemand. Denn niemand hat es gemessen. Genau das ist der entscheidende Punkt. Solange diese Frage nicht beantwortet ist, hängt die ASTRA-Schlussformulierung in der Luft — und stellt eine fragile Grundlage für rechtspolitische Entscheide dar, die die Verkehrssicherheit junger Lenkender tatsächlich beeinflussen werden.
Was das politisch bedeutet
Sollte das Parlament die Lernphasenregelung resp. die Fahrausbildung beraten, stehen diese methodischen Vorbehalte jetzt belegbar im Raum. Niemand kann mehr behaupten, der Bericht beweise abschliessend, was er beansprucht. Und die Forderung nach Mindeststandards für Begleitpersonen — die Schweiz ist im europäischen Vergleich das einzige Land ohne substanzielle Anforderungen — steht jetzt auf einer wesentlich stärkeren Grundlage.
Wie es weitergeht
L-drive Schweiz verfolgt die Auseinandersetzung in drei Richtungen weiter: im fachlichen Dialog mit dem ASTRA, mit dem Ziel, an einer methodisch verbesserten Folgestudie aktiv mitzuwirken — kilometerbasiert, mit Differenzierung zwischen professionellen und privat begleiteten Stunden, mit qualitativer Kompetenzbeurteilung. Im Austausch mit Partnerorganisationen, damit die methodischen Befunde in künftige Stellungnahmen einfliessen. Und auf parlamentarischer Ebene mit Vorstössen.
Worauf L-drive Schweiz Wert legt
L-drive Schweiz geht es primär darum, dass die Ausbildung junger Lenkerinnen und Lenker auf einer empirisch tragfähigen Grundlage diskutiert wird. Und nicht auf einer Schlussformulierung in einem Evaluationsbericht, die mehr beansprucht, als die Daten belegen. L-drive Schweiz besteht darauf. Im Interesse der Verkehrssicherheit. Und im Interesse einer Verkehrssicherheitspolitik, die diesen Namen verdient.